In allen Religionen begegnet das (religiös/sozial-ethisch motivierte) Fasten, so auch im Judentum zur Zeit Jesu. Um so auffälliger ist, dass es in den Evangelien recht deutliche Hinweise darauf gibt, dass Jesus selbst während seines irdischen Wirkens sowie seine Jünger nicht gefastet haben.

Im Evangelium nach Lukas (Lk 7,34) ist sogar der Vorwurf überliefert, Jesus sei ein „Fresser und Säufer“. Tatsächlich wird viel davon erzählt, dass Jesus sich gerne zu Mählern hat einladen lassen; dabei hat er sich offenbar nicht durch vornehme oder asketische Zurückhaltung ausgezeichnet.

Eine Stelle im Evangelium nach Markus (Mk 2,18-20 || Mt 9,14-15; 5,33-35) kann zeigen, dass es Jesus dabei nicht um „sinnlose Völlerei“ ging, sondern eine religiöse Haltung dahinter steckt. Angesprochen darauf, dass die anderen jüdischen Gruppierungen ein Fasten kennen, seine eigene Gruppe aber nicht, antwortet Jesus: „Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.“

Mit ‚Bräutigam‘ meint sich Jesus offenbar selbst; dieser Begriff bringt die Überzeugung Jesu zum Ausdruck, dass durch ihn und mit ihm und in ihm das erwartete Reich Gottes bereits angebrochen ist (vgl. Mk 1,14-15!).

Fasten dient ja oftmals der Vorbereitung auf etwas Besonderes, z. B. auf ein großes Fest; wir kennen das vor allem von der Vorbereitungszeit auf Ostern, aber (eigentlich) auch vom Advent. Aus der frühen Kirche ist ferner überliefert, dass z. B. vor einer Taufe der Täufling und der Taufspender gefastet haben.

Wenn nun aber Jesus der festen Überzeugung ist, dass das Reich Gottes „zum Greifen nahe“ ist, dass „die Zeit erfüllt“ ist (Mk 1,15), dann braucht es kein darauf vorbereitendes (regelmäßig wiederkehrendes) Fasten mehr. Jetzt – wo doch der Bräutigam der künftigen Zeit des Reiches Gottes gegenwärtig ist –, kann es kein Fasten geben: vielmehr ist Festfreude angesagt, festlich-fröhliches Mahlhalten, Essen und Trinken. Hier muss man auch bedenken, dass Jesus als eines der Bilder für das Reich Gottes das (Hochzeits-)Mahl gebraucht hat, zu dem Gott einlädt (Lk 14,15-24 || Mt 22,1-14).

In diesen Kontext passt auch die zweite Hälfte von Lk 7,34: „dieser Freund der Zöllner und Sünder“. Jesus hat sich gerade jenen Menschen zugewendet, die aus damaliger jüdisch-religiöser Perspektive am Rande standen. Dazu gehörten auch die (damaligen!) Zöllner, da sie einerseits für die verhassten Besatzer (die heidnischen Römer) arbeiteten, andererseits gerne mal zu viel Zoll verlangten. Das Reich Gottes aber sollte – und das war offenbar Jesus besonders wichtig – ein Ort der Versöhnung auch von Gegensätzen sein, ein Ort, wo Menschen befreit von ihrer teils belasteten und belastenden Vergangenheit in Frieden miteinander leben können. So ist es schon alttestamentliche Erwartung (vgl. den „Tierfrieden“ in Jes 11,1-9).

Damit wird das Bild komplett: Weil Jesus fest davon ausgegangen ist, dass im Hinblick auf das kommende Gottesreich nicht mehr (nur) die Zeit der Erwartung ist, sondern dieses bereits angebrochen ist, hat er nach den Gesetzmäßigkeiten des Gottesreiches gelebt: er hat sich – wovon die Evangelien an vielen Stellen erzählen – für Versöhnung und Barmherzigkeit stark gemacht, und er hat gerne an Mahlfeiern teilgenommen.

Manch bibelkundige Person mag spätestens jetzt einwenden: aber Jesus hat doch gefastet, davon erzählen Lukas (Lk 4,1-13) und auch Matthäus (Mt 4,1-11) übereinstimmend. Aber es geht hier um den Wüstenaufenthalt Jesu mit Versuchung durch den Satan und in diesem Rahmen um ein das öffentliche Wirken Jesu vorbereitendes Fasten – ganz in Übereinstimmung mit den Ausführungen oben: Fasten als Vorbereitung auf Kommendes.

Dabei ist interessant, dass die älteste uns erhaltene Erzählung vom das öffentliche Wirken vorbereitenden Wüstenaufenthalt Jesu – Mk 1,12-13 – gerade kein Fasten kennt, sondern von den Erzählelementen her ganz im Licht des anbrechenden Gottesreiches steht (u. a. versöhntes Miteinander von (wilden) Tieren und Mensch; vgl. den oben erwähnten „Tierfrieden“). Schon die Gestaltung der Taufszene, wie sie sich im Markusevangelium findet und dort der Versuchungserzählung unmittelbar vorausgeht, lässt aber Motive vom Anbruch des Gottesreiches erkennen (u. a. „Aufreißen“ des Himmels) – daher kann es ‚danach‘ (bei der Versuchung) kein Fasten mehr geben.

Jetzt bleibt aber noch zu erklären, warum Christen überhaupt fasten – obwohl doch Jesus und seine Jünger damals nicht gefastet haben. Auch darauf gibt jene Stelle Antwort, die oben bereits für die Erklärung des Nicht-Fastens Jesu herangezogen wurde, Mk 2,18-20; dort heißt es: „Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen [d. h. den Jüngern, gemeint sind die Christen insgesamt] der Bräutigam genommen sein; an jenem Tag werden sie fasten.“

Angespielt ist dabei darauf, dass Jesus nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt nicht mehr auf Erden weilt, sondern im Himmel ist. Von dort her erwarten wir seine Wiederkunft, wenn sich das Reich Gottes und dessen Kommen auch für uns vollendet. Bis dahin durchleben Christen eine ganz spezifische Vorbereitungszeit, die das Fasten in einem gewissen Rahmen sinnvoll erscheinen lässt.

Da Markus zwar einerseits „es werden Tage kommen“ [Mehrzahl] schreibt, andererseits mit „an jenem Tag“ [Einzahl] ergänzt, könnte dies auf ein jährliches Fasten am Karfreitag hinweisen; denn das ist ja „jener Tag“, an dem das Leben Jesu als historischer Mensch an sein Ende kam. Auch könnte es auf ein wöchentliches Fasten am Freitag hinweisen, wie es damals – wir sind um das Jahr 70 n. Chr. – sicher schon die Feier des Sonntages als wöchentlichem Osterfest gab.

Christliches Fasten ist also Zeichen einer Zwischenzeit: Das Reich Gottes hat auf Erde durch das Wirken Jesu Christi schon begonnen – wofür als Zeichen auch das Nicht-Fasten Jesu sehr eingängig ist –, andererseits erwarten wir das endgültige Kommen des Reiches Gottes mit der Wiederkunft Jesu. Als Zeichen, dass die Fülle des Reiches Gottes noch aussteht, macht auch für uns Christen Fasten Sinn. Und zu den Zeiten im Jahreslauf, die besonders vom nahe gekommenen Gottesreich künden (z. B. Ostern und Weihnachten) dürfen wir beherzt zugreifen. Übrigens ist auch jeder Sonntag als wöchentliches Osterfest vom Fasten ausgeschlossen, gerade auch in der vorösterlichen „Fastenzeit“.